Christnachtfeiern: Grundsätzliche Überlegungen
1. Bedeutung und Erwartungen
Während die Messe um Mitternacht traditionell in den katholischen Feierkalender gehört, sind Christnachtfeiern im reformierten Deutschschweizer Raum eine relativ junge Erscheinung; beginnend im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sind sie heute allgemein verbreitet. Anders als die ebenfalls in jüngerer Zeit eingeführte Osternachtfeier orientieren sich reformierte Christnachtfeiern nicht an ihrem katholischen Gegenstück, das als Messfeier auf die Eucharistie ausgerichtet ist.
Weihnachten liegt an einem Schnittpunkt mehrerer Zyklen und Ebenen religiöser Existenz (Kirche, Gesellschaft, Familie, Biographie). Im Gesamtrahmen von Weihnachten sind eine Vielzahl einzelner Festdaten eingeordnet, die unterschiedlichen sozialen Kontexten entsprechen. In dieser Reihe ist ein Kulminationspunkt nötig, welcher in früheren Zeiten wohl von der Familienfeier am Heiligen Abend gebildet wurde. Diese Feier kann jedoch in vielen Fällen die geistlichen, traditionell-kirchlichen Inhalte kaum noch liefern, so dass eine Feier in der Kirche die Familienfeier in dieser Hinsicht zu ergänzen hat. Der Gottesdienst am Vormittag des Weihnachtstages kann diese Funktion nicht übernehmen, da er zeitlich nicht direkt anschließt; vor allem entbehrt er der besonderen Atmosphäre einer mitternächtlichen Veranstaltung; generell sind jedoch atmosphärische Gesichtspunkte für den Gottesdienst wichtiger geworden.
Die Erwartungen an die Christnachtfeier sind von da her als eher traditionell vorauszusetzen, da der Traditionsverlust im privaten Rahmen wohl durchaus als ein Manko empfunden wird, das es partiell auszugleichen gilt. Unabdingbar ist eine gewisse „Feierlichkeit“, zudem ist vermutlich die Bereitschaft, sich auf das gemeinsame Singen von Liedern einzulassen, höher als zu anderen Zeiten, so dass trotz der mangelnden Vertrautheit sehr vieler Teilnehmender mit dem Gottesdienst eine aktive Rolle der Gemeinde angestrebt werden kann und soll.
In der Feiergemeinde der Christnacht dürfte der Anteil Menschen mittleren Alters höher sein als sonst im Gottesdienst. Zu beobachten ist eine verstärkte Teilnahme von Familien mit jugendlichen und erwachsenen Kindern – für Kleinkinder ist der mitternächtliche Termin problematisch, und ältere Menschen bevorzugen häufig den Gottesdienst am Morgen des Weihnachtstages. Je nach den Gegebenheiten wird man für Heiligabend verschiedene Gottesdienstzeiten wählen und gegebenenfalls kombinieren: Spätnachmittag, späterer Abend, gegen Mitternacht.
2. Gestaltungsmöglichkeiten
Ausgangspunkt ist der Typus des Predigtgottesdienstes. Besonderes Gewicht erhalten die Schriftlesung, meist in Form des Weihnachtsevangeliums Lk 2, das gemeinsame Singen und die Musik überhaupt.
Für die Predigt bietet sich ein breites Spektrum von Varianten an: Kurzimpulse, Liedpredigten, literarische Texte, Bildbetrachtungen oder andere visuelle Elemente wie Krippenfiguren.
Auf musikalischem Gebiet wird die Christnachtfeier verschiedenenorts als Gelegenheit genutzt, Gemeindeglieder zu aktivieren – in einem „Christnachtchor“ oder in instrumentalen Ad-hoc-Ensembles.
Im Folgenden bieten wir einen dreifachen Auswahlvorschlag für Lieder aus dem Reformierten Gesangbuch an, welche in die Lesung des Weihnachtsevangeliums eingefügt werden können.
Ein zweites Modell enthält Besinnungs- und Gebetstexte in poetischem Stil, ein drittes verwendet biblische Texte aus verschiedenen Perikopenordnungen.
Ferner gibt es eine kleine Sammlung von Texten für verschiedene Stellen der Liturgie, verwendbar auch in anderen Gottesdiensten der Advents- und Weihnachtszeit.
September 2011