Das Profil des reformierten Gottesdienstes

Arbeitspapier der Liturgiekommission der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz
im Vorfeld des Projektes "Reformierter Gottesdienst", verabschiedet am 12. September 2001

Es geht im Folgenden um Gesichtspunkte und Akzente, die das Profil unserer Liturgiearbeit für die
Deutschschweizer reformierten Kirchen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bestimmen sollen, nicht aber
um eine auch nur annähernd umfassende Beschreibung dessen, was Gottesdienst ist oder sein soll.
Diese ist im Rahmen der "Liturgischen Orientierung" (Teil II des Projektes) zu leisten.

Theologische Grundsätze,
Aussagen zur Kirche

Konkretisierung im Gottesdienst

1. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18,20)
Gottes Ja gilt. "Der Bund ist uns nicht aufgekündigt worden." (Martin Buber)

Die ganze christliche Existenz soll Gottesdienst sein: Alltagsleben und feiernde Versammlung. Jeder Gottesdienst steht unter der Verheißung, dass in allen seinen Teilen Gottes Gegenwart erfahrbar werden kann. Es gibt keine Handlungselemente, die "heiliger" sind als andere.

2. Das Ringen um die je sich ereignende Wahrheit des Wortes Gottes ist ein Dauerprozess.

Tradition (inklusive Bibel) darf nicht bloß rezitiert werden, sondern sie bedarf der Auslegung als eines Dauerprozesses, in welchem sich Wahrheit je neu ereignet.

3. Die Kirche ist das Beziehungsfeld, welches diesen Prozess ermöglicht.

Der Gottesdienst ist eine Verdichtung des Beziehungsfeldes Kirche: dialogisch, partizipatorisch, demokratisch.

4. Kirche ist Such- und Weggemeinschaft, mehr suchend als habend.

Das Suchen findet seinen Ausdruck nicht nur in der Predigt, sondern in allen Stücken der Liturgie. Gottesdienste dürfen allen Beteiligten etwas zumuten: sich auf Denkprozesse einlassen, offene Fragen auch einmal stehen lassen, Ratlosigkeit und Unsicherheit aushalten, auf vorschnellen Trost verzichten – und gerade darin Weisung und Trost vermitteln.

5. Partnerschaftliches Leben in der Kirche steht in der Spannung zwischen ,allgemeinem Priestertum‘ und dem Kompetenzgefälle durch spezifische Beauftragungen und Begabungen.

Vorbereitung, Gestaltung, Durchführung und Nacharbeit von Gottesdiensten geschieht in geteilter Verantwortung.

6. Christliche Existenz verlangt persönlicheVerantwortung, Mitdenken, kritisches Zeugnis.

Gottesdienst ist informativ, lehrhaft, kommunikativ, dialogisch, nicht apodiktisch.

7. Der ,prophetische‘ Auftrag der Kirche hat Vorrang vor dem ,priesterlichem‘.

Gottesdienst ist mehr kritisch als kultisch, mehr innovativ als sichernd, mehr herausfordernd als tröstend

8. Es besteht eine Spannung zwischen Individualismus und Gemeinschaftsorientierung.

Der Gottesdienst darf die Spannung zwischen dem Ernstnehmen des Individuums und dem Anliegen der Solidarität nicht auf die eine oder andere Seite auflösen.

9. Zu den Wesensmerkmalen von Gottes Schöpfung gehört eine komplexe und bunte Vielfalt, in der auch Gegensätzliches Platz hat. Diese Vielfalt ist uns nur bruckstückhaft zugänglich und nur über eine Vielzahl von Deutungsmustern, die sich auch dann ergänzen, wenn sie sich zu widersprechen scheinen.

Im Gottesdienst soll nach Möglichkeit einer Vielfalt von theologischen Konzeptionen und Gottesvorstellungen Raum gegeben werden.

10. Gedenken eröffnet Zukunft.

Die zentrale anamnetische Dimension des Gottesdienstes bedenkt unser Herkommen im Hinblick auf gegenwärtige und zukünftige Glaubenserfahrung und Weltverantwortung.

11. In weltweiter Verbundenheit bauen wir mit am Projekt ,Reich Gottes‘.

Gottesdienste schaffen und verdeutlichen gesellschaftliches, ökologisches und politisches Engagement für eine Welt, in der gelingendes Leben für alle möglich ist (Reich Gottes).

zur Entwicklung von Gottesdienst und Liturgiearbeit in den deutschschweizerischen Reformierten Kirche